Der moderne Moralist

 

«E Inspäkter chunnt»: Das Fernsehen DRS sendet am Sonntag, 18. Dezember, 20 Uhr, eine Dialektfassung dieses Gesellschaftsstücks des hochbetagten englischen Autors John B. Priestley.

 

Textfeld: E lnspäkter chunnt 
An einem Frühlingsabend des Jahres 1912 feiert ein erfolgreicher Industrieller, Arthur Birling, im engsten Familienkreis die Verlobung seiner Toch-ter Sheila mit GeraId Croft, dem Sohn seines grössten Geschäftskonkurrenten. Die selbstzufrie-dene Feststimmung wird jäh gestört, als ein Krimi-nalinspektor er- scheint, der im Falle von Eva Smith, einem schwangeren Arbeitermädchen, er-mittelt, das Selbstmord begangen hat. Geschickt verhört er die fünf Anwesenden. Es stellt sich her-aus, dass jeder eine moralische Mitschuld am To-de des Mädchens trägt. Sobald der Inspektor ge-gangen ist, verfallen die Eltern rasch wieder in ihre Selbstgerechtigkeit. Als telefonische Nachfragen ergeben, dass es weder einen Inspektor namens Goole gibt, noch sich irgend jemand in der fragli-chen Zeit das Leben genommen hat, tun die Eltern alles als einen bösen Scherz ab. Nur Sheila und ihr Bruder Eric bleiben von ihrer Schuld überzeugt. Da klingelt das Telefon: ein Mädchen hat Selbst-mord begangen, und ein Inspektor ist zu den Bir-lings unterwegs, um einige Fragen zu stellen. Was eine unangenehme Illusion war , wird zu einer Prophezeiung. 

Mit diesem Kriminalstück, 1946 in Moskau uraufgeführt, will J .B. Priestley eine fragwürdige soziale Einstellung bIoss Iegen: Jeder sucht seinen eigenen Vor- teil und glaubt, dass er nur sich selbst Rechenschaft schuldig bleibt, solange er keine Gesetze verletzt. Der mysteriöse Inspektor, der nicht anklagt, weil es ihm nur um die Wahrheit geht, erklärt: « Wir leben nicht allein. Wir sind wie die Glieder eines Körpers. Wir tragen alle Verantwortung füreinander.» 

Hört man Priestleys Namen heute, denkt man nicht in erster Linie an einen Dramatiker. Doch in den dreissiger Jahren, in denen er zwei Drittel seiner rund 30 Komödien, sozialkritischen und experimentellen Stücke schrieb, war er ein gefeierter Bühnenautor. In seinen engagierten Dramen, wie "An Inspector CalIs" oder "The Linden Tree" (1947; Familie Professor Linden), verficht er den Glauben an eine glücklichere Welt, die sich, wenn wir nur wollten, auf der Grundlage von Toleranz, Hilfsbereitschaft und Solidarität entwickeln könnte.

 

Die experimentellen Stücke, in denen verschiedene Zeiten bühnenwirksam werden, sind theatergeschichtlich von Interesse. In "Dangerous Corner" (1932; Gefährliche Kurven), zum Beispiel, spielt sich der dritte Akt zeitlich vor dem zweiten ab, was den Zuschauer, der bereits die Einzelschicksale kennt, hellhörig macht. Dem Theater schrieb Priestley eine sozialtherapeutische Wirkung zu: Er verlangt die feinnervige Zusammenarbeit vor und hinter der Bühne; er befreit die Zuschauer aus ihrer Einsamkeit und verschmilzt sie zu einer kollektiven Persönlichkeit.

 

Bevor Priestley als Dramatiker bekannt wurde, hatte er zwei sehr erfolgreiche Romane geschrieben, "The Good Companions" ( 1929; Die guten Gefährten) und "Angel Pavement" (1931; Die Engelgasse), und galt bereits als einer von Englands führenden Essayisten. In rund 80 Büchern greift Priestley als unnachgiebiger Weltverbesserer die Zweiteilung der Menschheit in Herren und Massen an. Heftig wendet er sich gegen politische Bewegungen, die nur den äusseren Wohlstand anstreben.

 

Während des Krieges hielt Priestley Rundfunkvorträge, die ihm den Ruf eintrugen, die "inoffizielle Stimme des englischen Volkes" zu sein. Wie er in einer Sendung den Heroismus der Handelsmarine preisen sollte, geriet ihm sein Engagement zum Nachteil. Er weigerte sich nämlich, dies zu tun, wenn er den Seeleuten nicht auch bessere Wohnungen in einem sozial gerechteren England versprechen konnte. Dies wurde den Politikern zu gefährlich, und Winston ChurchilI soll seine Entlassung angeordnet haben.

 

Priestley, der ein frecher, witziger und gefühlvoller Beobachter war, wird von der Literaturkritik etwas geschnitten. Wegen seiner Vielseitigkeit lässt er sich kaum in eine bestehende literarische Bewegung einordnen: sein Erfolg hat ihn suspekt gemacht. 1960 äusserte er sich zurückblickend zu seiner Vielseitigkeit: "Ich habe es genossen, von einem Gebiet zum andern zu schweifen, auch wenn es hiess, auf einen Teil der Ernte zu verzichten; aber ich möchte keinem jungen englischen Schriftsteller empfehlen, meinem Beispiel zu folgen. Es ist besser, sich auf ein .Feld zu beschränken und von Jahr zu Jahr dieselben drei braunen Kühe darauf zu beschreiben. Dann wissen die Leute, woran sie mit einem sind.

Charles Hohmann